|
Reflexion und Transparenz. Die neuen Arbeiten von Dirk Salz
Von Dr. Peter Lodermeyer, Bonn www.lodermeyer.com I.
Seit Mitte 2008 arbeitet Dirk Salz an Gemälden, deren auffälligstes Merkmal ihre hochglänzenden Oberflächen sind. Diese kommen durch den Einsatz mehrschichtig aufgetragener, mit Pigmenten versehener Epoxidharze und die Versiegelung mit Polyurethanlack zustande. Aufgrund ihrer glatten Oberflächen zeigen sich auf den Bildern diffuse, im Wesentlichen auf Hell- und Dunkelwerte reduzierte Spiegelungen der räumlichen Umgebung einschließlich des Betrachters und gegebenenfalls anderer im Raum befindlicher Gemälde. Wer sich diesen Arbeiten nähert, wird sich daher schnell einer Irritation des Sehens bewusst, weil sich die Spiegelungen auf der Oberfläche vom materiellen Bestand der Gemälde nicht sogleich und manchmal auch nach längerer Betrachtung nicht ohne weiteres unterscheiden lässt. Erst wenn man sich vor ihnen bewegt, wird man bemerken, dass sich Linien und Flächen, bestimmte helle oder dunkle Bereiche im Bild verschieben oder ganz verschwinden, dass andere Auffälligkeiten plötzlich ins Bild hineinkommen - oder dass, umgekehrt, Details, die auf den ersten Blick bloße Reflexionen zu sein schienen, auch aus veränderter Perspektive erhalten bleiben und sich als stabile Bestandteile der Gemälde erweisen.
Der Betrachter ist vom ersten Moment an dazu aufgefordert, sich ein Bild von diesen Bildern zu machen. Was ist das Bild selbst? Kann man einen Standort finden, von dem aus sich die Reflexionen ganz ausschalten lassen? Und hätte man dann „das Bild selbst“ vor Augen? Oder sind die zufälligen, von der Ausstattung des jeweiligen Ausstellungsraumes, den Lichtverhältnissen und dem Blickwinkel abhängige Spiegelungen nicht doch notwendige, integrale Bestandteile des Bildes? Schon bei der ersten Annäherung an die neueren Gemälde von Dirk Salz werden zwei zentrale Motive seiner künstlerischen Arbeit deutlich. Zunächst das Ausloten des Zusammenspiels von Kontrolle und Zufall, in diesem Fall des Verhältnisses der vom Künstler kontrollierten materiellen Gestalt der Gemälde und ihrer von den Zufällen der Raumumgebung und den Umständen der Betrachtung abhängige visuelle Erscheinung. Und zweitens: Die Bilder von Dirk Salz zielen immer auf die Erfahrung der Zeitlichkeit des Sehens. Sie fordern einen aktiven Betrachter, der sich die Zeit nimmt, sich vor den sich zunächst verschließenden Arbeiten hin und her, vor und zurück zu bewegen, den Blick jeweils neu zu fokussieren, um sich so langsam ihre Komplexität zu erschließen. Reflexion ist bei diesen Arbeiten also in zweierlei Form im Spiel: optisch als die Spiegelungseigenschaft der Bildoberflächen, rezeptionsästhetisch als die Reflexion des Betrachters auf seine eigene Seh-Erfahrung.
II.
Die reflektierenden Oberflächen der neuen Arbeiten von Dirk Salz sind eine Eigenschaft, die sich aus dem Einsatz der Epoxidharze ergibt. Eine weitere ist ihre Transparenz. Je nach dem Sättigungsgrad des Epoxids mit Farbpigmenten sind die einzelnen Schichten, die der Künstler auf die Bildträger aufbringt, in unterschiedlichem Maße lichtdurchlässig. So ergibt sich, abhängig auch von der jeweiligen Farbe, eine unterschiedliche Tiefenwirkung. Nicht immer sind die Epoxidschichten pigmentiert, zuweilen wird auch das reine Lackmaterial aufgetragen, gut sichtbar zum Beispiel in den hellsten Streifen der dunklen Bilder #1809 und #1826. Dort geben die transparenten Harze den Blick auf die unterste Schicht des Bildes, die ungrundierte MDF-Platte, frei. An der zunehmenden Verdunkelung der mit tiefbraunem Pigment gefärbten Flächen kann die Zahl der übereinandergelagerten Schichten abgelesen werden. Überhaupt ist die Nachvollziehbarkeit des allmählichen Verfertigens der Bilder aufgrund ihrer unterschiedlichen Transparenz- bzw. Opazitätsstufen ein typisches Merkmal der neueren Arbeiten von Dirk Salz.
Der materiellen Tiefe der mehrere Millimeter dicken Lackschichten und ihrer unbestimmbaren optischen Tiefenwirkung antwortet die raumgreifende Präsenz der Bilder. Waren die früheren Arbeiten von Dirk Salz meist noch auf millimeterdünne Aluminiumplatten gemalt, so sind die neueren Bilder auf MDF-Platten gemalt und auf kräftige Multiplexrahmen montiert, wodurch sie Volumen gewinnen und ihre Oberflächen deutlich von der Wand abrücken. Der optischen Tiefe der Farbschichten entspricht so die physikalische Tiefe des Bildkörpers. (Da bei ambitionierter Kunst jedes Detail zählt, sei hier noch en passant darauf verwiesen, dass Dirk Salz beim Malen zunächst die Seitenränder seiner Bildträger sorgfältig abklebte, um sie vor dem herabfließenden überschüssigen Farbmaterial zu schützen. Bei seinen neuesten Arbeiten geschieht dies nicht mehr. Die Bildränder sind nun von einer Vielzahl unregelmäßiger Rinnspuren und Farb-„Nasen“ übersät. Zum einen bewirkt dies eine Belebung des Bildobjekts, die im Kontrast zu der scheinbar perfekten Glätte der Bildfront steht; zum anderen wird auf diese Art eine wichtige Information über den Malprozess vermittelt und somit sinnlich nachvollziehbar: Die Bilder entstehen nämlich in horizontaler Lage, die Lackschichten werden mit einem Spezialroller oder gelegentlich mit einem Pinsel aufgetragen. Erst nach dem vollständigen Trocknen werden die Bilder in die Vertikale gebracht.)
III.
Die neuen Arbeiten von Dirk Salz sind also durch zwei gegensätzliche Eigenschaften gekennzeichnet. Die glatten, spiegelnden Oberflächen und die Tiefenwirkung der Farbtransparenz erfordern zwei gegensätzliche Blickrichtungen. Die glänzenden Flächen halten den Blick zurück und lenken ihn in die Bildumgebung um, die Transparenz der Farbschichten hingegen zieht ihn in das Bild hinein und gibt eine sich dem ersten Hinblick verschließende Tiefendimension frei. Die Spiegelungen sind besonders aus der Distanz wirksam, die Transparenz hingegen aus der Nahsicht. Es ist der produktive Widerspruch zwischen beiden Blickbewegungen, worin sich die Komplexität der Bilder von Dirk Salz entfaltet. In ihrem Zusammenwirken baut sich eine Seh-Erfahrung auf, wobei man sich der Relativität und unvermeidlichen Kontextabhängigkeit der Wahrnehmung bewusst wird. Die Frage, was das Bild selbst ist, wie vertrauenswürdig bzw. wie täuschbar unsere Wahrnehmung und unsere Bildvorstellungen sind, wird somit zum integralen Bestandteil der ästhetischen Erfahrung der Arbeiten von Dirk Salz. Aufgrund ihrer Reflexionseigenschaft verschließen sich die Bilder teilweise und erfordern vom Betrachter einen gewissen Zeitaufwand im Sehen, die Bereitschaft, den ersten Augenschein schrittweise zu korrigieren und nach und nach die Tiefenwirkung der Farbschichten unterhalb der Oberflächenreize zu entdecken und in die Rezeption zu integrieren.
IV.
Das komplexe Erscheinungsbild dieser Arbeiten hat selbstverständlich Folgen für ihre Fotografierbarkeit oder besser: Nicht-Fotografierbarkeit. Ohnehin besteht die Würde anspruchsvoller, nicht-gegenständlicher Malerei unter anderem darin, dass sich ihre spezifischen „Informationen“ nicht verlustfrei in andere Medien wie Foto, Film, Internet usw. übersetzen lassen. Weder die Spiegelungseigenschaft noch die Transparenz dieser Bilder lassen sich im Foto angemessen und unmissverständlich wiedergeben. Um zumindest eine fotografische Andeutung ihrer höchst unterschiedlichen Erscheinungsweisen zu geben, ist Dirk Salz dazu übergegangen, seine Bilder möglichst zweifach aufzunehmen, einmal in spiegelnder Normal-Ansicht, oft leicht von der Seite her, einmal in Frontalansicht bei möglichster Unterdrückung der Spiegelungen, was nur unter erheblichem Aufwand, sprich: durch Abhängen des Raumes mit schwarzem Stoff zu erzielen ist.
V.
Mit der Entdeckung des für ihn neuen Materials des Epoxidharzes und des Finishs mit Polyurethanlack, der das Bild vor UV-Strahlung schützt, änderte sich die Malweise von Dirk Salz, die bei seinen früheren Arbeiten durch die Technik des Auftragens von Farbe (zunächst Öl-, später Acrylfarbe) mit Rakeln und Spachteln bestimmt war. Damit einhergehend veränderten sich auch die Erscheinungsweise und der Ausdruck seiner Malerei. Was ist in der Kunst Ursache und was ist Wirkung, wenn sich notwendige und konsequente Entwicklungsschritte vollziehen? Bedingt das Material den Stil – oder löst nicht vielmehr der Wunsch nach formalen Weiterentwicklungen erst die Suche nach neuen Materialien aus? Im Fall von Dirk Salz greift beides ineinander, bei ihm geht die Suche stets in beide Richtungen zugleich. Ein solches Vorgehen entspricht auch ganz seinem künstlerischen Ansatz, der auf das Mit- und Gegeneinander von Kontrolle und Zufall setzt.
Mit dem Akt des Spachtelns seiner früheren Arbeiten war immer ein hohes Maß an Unwägbarkeit gegeben. Bei aller Vertrautheit mit dem Malprozess war das Ergebnis des Farbauftrags im Detail unvorhersehbar; die Farbverläufe, die sich, abhängig von Druck und Geschwindigkeit des Spachtels sowie der Menge der Farbmasse, ergaben, bekundeten mit ihren unerwarteten Strukturbildungen den „Eigenwillen“ des Materials. An den Farbverläufen war zugleich ein zeitliches Moment ablesbar. Zeit wurde in den früheren Bildern erfahrbar in der Bewegungsspur der Rakel und Spachtel in der Bildfläche.
Mit dem Erforschen der spezifischen Materialeigenschaften von Epoxidharzen als Bindemittel für die Pigmente hat sich das Verhältnis von Kontrolle und Zufall neu eingependelt. In den neuen Arbeiten ist ganz sicherlich der Aspekt der Plan- und Kontrollierbarkeit deutlich stärker betont als in den Spachtelbildern. Das wird schon daran deutlich, dass sie ganz überwiegend durch vertikale Streifen bzw. vertikal-horizontal überlagerte Gitterstrukturen gekennzeichnet sind. Die Anlage der Bilder wird vom Künstler durch maßstabgerechte Zeichnungen vorbereitet, was bei den früheren Arbeiten nicht geschah und aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Ergebnisse auch nur in sehr begrenztem Maße möglich gewesen wäre. Die vorbereitenden Skizzen dienen dem Ausloten stimmiger Proportionen zwischen den Flächen und Streifen sowie der Vorbereitung der Komposition. Diese wird auf dem Bildträger mittels Klebstreifen festgelegt, mit denen die einzelnen Schichten gegeneinander abgegrenzt werden.
Das bedeutet freilich nicht, dass den zufälligen, unkalkulierbaren Materialeigenschaften keine Bedeutung mehr zukommt – sie werden jetzt nur viel subtiler in Szene gesetzt, wieder mit der Erwartung, dass sie sich nur schrittweise, in einem langsamen Wahrnehmungsprozess zu erkennen geben sollen. Auf den ersten Blick wirken die neuen Bilder von Dirk Salz glatt und perfekt. Es bedarf einiger Zeit und näheren Hinsehens, um diesen Eindruck zu relativieren. Man wird dann bemerken, dass die Linien keineswegs einer rigiden geometrischen Strenge gehorchen. Aus der Nähe zeigen sie Unregelmäßigkeiten im Linienverlauf sowie Schwankungen in Breite und Farbintensität. Die scheinbar spiegelglatten Oberflächen erweisen sich, insbesondere in Schrägsicht oder wenn man sich vor dem Bild bewegt, als leicht gewellt, von Dellen, Wölbungen und Luftbläschen belebt. Auch die Farbverteilung ist nicht immer gleichmäßig. Gelegentlich entdeckt man im Bild wahre Pigmentnebel, Flächenverdunkelungen oder –aufhellungen. Ein Gemälde ist kein kunsthandwerkliches und erst recht kein Design-Produkt; die gewollte Abweichung vom Perfektionsideal (das man als Betrachter unwillkürlich sogleich ins Spiel bringt) ist hier ein probates Mittel, die Einstellungen und Vorannahmen, die in die Wahrnehmung mit einfließen, bewusst zu machen und zugleich zu unterlaufen.
VI.
Um den Vorgang des Sehens von allzu vordergründigen farbpsychologischen Wirkungen freizuhalten, favorisiert Dirk Salz für seine Malerei unbunte Farben (die man außerhalb des Malerei-Kontextes immer wieder für „Nicht-Farben“ hält): bevorzugt Weiß und Grau, zuweilen Schwarz und ans Schwarze grenzende Dunkelwerte. Freilich erprobt der Künstler auch immer wieder die Wirkung starkfarbiger Pigmente wie Rot, das aufgrund seiner extrovertierten Ausstrahlung die Tiefenwirkung der Lackschichten konterkariert, oder dunkles Blau, das sie in einen unbestimmten Tiefenraum hinein verstärkt. Besonders wirksam aber, weil ein ungemein nuancenreiches Spektrum an Abstufungen entfaltend und eine fragile Balance zwischen Opazität und Transparenz begünstigend, ist die Malerei mit Weißpigmenten. Diese Bilder als „weiß“ zu bezeichnen ist jedoch eine eklatante Vereinfachung. In Wahrheit stellen sie eine ungemein reiche Skala von weißen bis hellgrauen Tönen und von zartesten Braun- und Beigenuancen (aufgrund der durch die Lackschichten dringenden Holzfarbe) vor Augen und geben geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie sich ein Bild durch die langsame Gewöhnung des Auges an kleinste Farbunterschiede immer weiter belebt. Es ist dem „Eigenwillen“ des Materials, dem Zusammenspiel von Lack und Pigment und ihren physikalisch-chemischen Eigenschaften zu verdanken, dass sich gerade bei den „weißen“ Bildern immer wieder unvorhersehbare Struktureffekte einstellen, Phänomene, die unter anderem an Eisflächen oder das Changieren von Perlmutt denken lassen.
VII.
Indem die neueren Arbeiten von Dirk Salz mit dem produktiven Widerspruch zwischen Oberflächenglanz und Tiefe operieren, nehmen sie Stellung in einer ästhetischen Grundsatzfrage. Eine Ästhetik, die davon ausgeht, dass, mit Friedrich Nietzsche gesprochen, „die Welt [...] tief“ ist, „und tiefer als der Tag gedacht“ [1], hat in der nicht-gegenständlichen Malerei der Moderne dazu geführt, dass ihr zugetraut wurde, universale, metaphysische, „kosmische“ Gesetzmäßigkeiten zur Anschauung zu bringen. Diese Utopien der Moderne haben längst ihre Glaubwürdigkeit verloren. Dass sich im Gegenzug eine postmoderne Ästhetik der makellosen Oberfläche gerade auch im Alltag durchgesetzt hat, prägt in erheblichem Maße unsere Erwartungen an eine künstlerische Bildästhetik. Ob es die Glasfassaden von Bürogebäuden sind, die Metalliclackierung von Autokarosserien, Hochglanzmagazine, LED-Bildschirme oder die Touchscreens der Mobiltelefone: Die makellosen Oberflächen sollen vergessen lassen, was eigentlich „hinter“ ihnen steckt. Das schnelle Abrufen rasch aufeinanderfolgender Informationen in ihrer Oberflächenerscheinung ist ein Signum unserer Alltagsästhetik, die Tiefe per se ausschließt.
Indem Dirk Salz in seinen neuen Bildern Oberflächenreiz und Tiefenwirkung bzw. Reflexion und Transparenz in ein produktives Spannungsverhältnis zueinander setzt, initiiert er das Sehen als einen Erfahrungsprozess. Seine Arbeiten behaupten weder, einen Blick hinter die Dinge freizugeben noch begnügen sie sich mit einem unverbindlichen Spiel von Formen und Farben. Stattdessen wecken sie die Entdeckerlust des Auges. Bei ihrer Betrachtung kann man sich dessen vergewissern, dass Sehen kein bloßes Registrieren von vorhandenen Tatsachen, kein bloßes Abrufen von Informationen ist. Indem sie unser Wahrnehmungsverhalten deutlich herunterbremsen, das im Alltag auf das schnelle Erfassen von Sachverhalten trainiert ist, lassen diese Bilder das Sehen als einen komplexen Vorgang erfahren. Man kann die Arbeiten von Dirk Salz als „slow paintings“ bezeichnen (um ein neuerdings ins Spiel gebrachtes Schlagwort zu gebrauchen). [2] „Langsamkeit“ bezieht sich auf den zeitaufwändigen Produktions-, vor allem aber den Wahrnehmungsprozess. In ihr zeigt sich der Zeit-Faktor dieser Bilder. Die Zeit ist kein äußerlich beobachtbarer Gegenstand, sondern, mit Immanuel Kant gesprochen, „nichts anders, als die Form des innern Sinnes, d. i. des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes.“ [3] Die Arbeiten von Dirk Salz – und darin liegt ihre Relevanz - zielen exakt auf den „inneren Zustand“, auf das „Anschauen unserer selbst“ im Akt der Bildbetrachtung.
[1] Also sprach Zarathustra, IV, 6. [2] Slow Paintings. Ausstellung Museum Morsbroich, Leverkusen, 24. November 2009 - 07. Februar 2010. [3] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 50.
Peter Lodermeyer, Bonn
|