Die Zeichnungen von Dirk Salz
Von Peter Lodermeyer
Nicht anders als zu Zeiten der klassischen Kunsttheorie geht die Zeichnung auch heute noch in der alltäglichen praktischen Arbeit zahlloser Künstler den Werken anderer Gattungen voraus. Ein Großteil an Gemälden, Installationen, Skulpturen, oft auch Videoarbeiten, gar nicht zu reden von Design und Architektur, ist in Entwurf und Planung ganz wesentlich auf zeichnerische Verfahren gegründet. In den relevanten theoretischen Grundlegungen der Kunst der Neuzeit galt der disegno aus diesem Grund als „Vater der Künste“, da der zeichnerische Entwurf unmittelbar auf die erste Idee des Künstlers, die Konzeption – gleichermaßen Plan und „Empfängnis“ - des Kunstwerks bezogen ist. In der Zeichnung, so die Begründung, zeige sich die geistige Vorstellungskraft des Künstlers am reinsten und unverfälschtesten und somit der kreative Kern seiner Arbeit. Ganz in diesem Sinn sind für eine Vielzahl von Künstlern noch immer Zeichenstift und Skizzenbuch die wichtigsten Utensilien ihrer Ideenwerkstatt, noch immer dient die Ausarbeitung von zeichnerischen Vorstudien ganz selbstverständlich der konzeptionellen Klärung von malerischen oder im weitesten Sinne skulpturalen Projekten.
In der Arbeit von Dirk Salz jedoch ist es genau umgekehrt! Seine Werkreihe der Zeichnungen hat sich als Idee ganz aus seiner Malerei heraus entwickelt, ihre grundlegenden Impulse bezieht sie aus den Erfahrungen mit rein malerischen Prozessen und Fragestellungen (wobei das Wort „malerisch“ eigentlich in Anführungszeichen zu setzen ist, da die prozesshafte Art des Umgangs mit Farbe bei Salz wenig mit der traditionellen Vorstellung von Malerei als Pinselarbeit zu tun hat). Seit 2003 erkundet Dirk Salz die künstlerischen Möglichkeiten, die sich aus dem flächigen Farbauftrag mit Rakeln und Spachteln ergeben. Dieses halbmechanische Verfahren erlaubt es, den Vorgang des Malens als einen offenen Prozess aus Planung und Zufall zu betreiben. Malerei gleicht bei Dirk Salz einem Dialog mit den Arbeitsmaterialien und –prozeduren, da er mit jedem Arbeitsschritt auf die Ergebnisse des vorherigen reagieren muss und nie zweifelsfrei wissen kann, wie die Werkstoffe (Bildträger, Farbsubstanzen, Lösungsmittel, Rakel) auf seine Entscheidungen jeweils „antworten“. Aus dieser prozesshaften Malweise heraus zeigen sich in seinen Bildern mindestens zwei Arten von im weitesten Sinne grafischen oder zeichnerischen Strukturen. Zum einen sind dies die linearen Gebilde, die sich aus dem Ansetzen und Abheben des Rakels ergeben; im Erscheinungsbild vieler seiner Arbeiten sind diese als sequenzielle oder rhythmische Linienabfolgen sichtbar. Zum anderen ergeben sich in den Binnenflächen der Farbsubstanz immer wieder unvorhersehbare, scharf konturierte oder auch weich verlaufende Formbegrenzungen, „Umriss“-Linien amorpher Felder, die aus dem mechanischen Druck mit den Rakeln an den Stellen entstanden sind, wo die obere Schicht des Farbmaterials „abreißt“ und die darunter befindliche Farblagen sichtbar werden. Die sequenziellen Linien kann man also den geplanten und gesteuerten Arbeitsvorgängen des Malens zuordnen, während die unregelmäßigen, unvorhersehbaren linear begrenzten Formen sich dem Eigensinn des Materials und der gewählten Arbeitsmethode verdanken, d.h. im Sinne der Vorhersehbarkeit oder Planbarkeit zufällig erscheinen. Somit scheinen auch in den „grafischen“ Komponenten der Malerei von Dirk Salz die beiden Pole des „kontrollierten Zufalls“ wieder auf.
Aus dieser Tatsache, dass sich sein malerisches Konzept auch auf der Ebene des Linear-Grafischen konkretisiert, suchte der Künstler nach einer Möglichkeit, vergleichbare Strukturen mit rein zeichnerischen Mitteln, d.h. unabhängig von der Farbsubstanz und den mechanischen Prozessen ihrer Verteilung auf dem Bildträger, zu erzeugen. Die Lösung – die sich vielleicht einmal rückblickend nur als die erste aus einer Reihe von Möglichkeiten erweisen wird – fand sich überraschenderweise im vertrautesten aller zeichnerischen Medien: als Zeichnung mit Bleistift auf Papier.
Der technische Aspekt dieser seit 2007 entstehenden Zeichnungsfolge ist schnell beschrieben: Dirk Salz zieht horizontale Linien auf kleinformatigem, hochrechteckigem Zeichenpapier. Zur Linienführung dient ihm nicht etwa ein handelsübliches Lineal, sondern ein Stück Karton mit ungleichmäßigem Rand. Wegen der Unregelmäßigkeiten „springt“ der Bleistift an manchen Stellen und lässt Lücken im Strich. Diese Prozedur des Linienziehens wiederholt sich nun vielfach. Durch den mechanischen Druck beim Vorbeistreichen mit dem Bleistift verändert sich der Kartonrand allmählich und damit auch die Verlaufsform und die Leerstellen der Linien. Mit der Veränderung des Drucks und damit der Strichstärke, der Variation der Abstände zwischen den einzelnen Linien und der Versetzung des Hilfskartons nach links oder rechts sind bewusste Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Die Zeichnung ist fertig, wenn das Blatt vollständig mit Linien gefüllt ist.
So einfach die technische Prozedur auch ist, so komplex und begrifflich schwer zu bestimmen das Resultat. Was sich dem Betrachter zeigt, ist das Ergebnis des Zusammenspiels zwischen unvorhersehbaren, rein mechanisch erzeugten Strukturen und bewusster Steuerung. Jede einzelne Linie und das Verhältnis der Linien untereinander ist von diesem Zusammenspiel bestimmt. Zugleich lässt sich das Ergebnis, die Zeichnung als Gesamtheit, als Interferenz zweier Zeitauffassungen, einer diachronen und einer synchronen Lesart, deuten. Diachron handelt es sich um eine zeitliche Abfolge von Linien – oder besser: um die sequenzielle Wiederholung einer Linie, wobei dieser Linie fortlaufend minimale Abweichungen und Veränderungen widerfahren. In dieser Lesart entsteht eine Sequenz in der Betrachtung von oben nach unten (oder umgekehrt), in der sich Sprünge einstellen, ein optisches „Ruckeln“, ein gewisser Daumenkino-Effekt. Der diachronen überlagert sich jedoch zugleich eine synchrone Lesart, die Zusammenschau aller Linien als ko-präsentes Gefüge. Aus dieser Sicht erscheinen die Zeichnungen von Dirk Salz als vibrierende, flirrende Muster, ein All-over, das sich in der Vorstellung über die Blattränder hinaus weiterdenken lässt. Die Vibration stellt sich durch den dichten Wechsel von Hell und Dunkel, Präsenz und Absenz, Fülle und Leere des Strichs ein, wobei sich interessanterweise vertikale Negativ-Strukturen quer zur Linienführung des Bleistifts ergeben, die aus nichts als Abwesenheit der Bleistiftspur bestehen. Das intime Format der Zeichnungen entspricht der Zartheit der Linien und Leerstellen und der oszillierenden Ungreifbarkeit ihres Gefüges, dieses ebenso zerbrechlichen wie poetischen Gewebes aus Linien, Licht und Zeit.
© 2008 Peter Lodermeyer